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Literatur » Geschichtensammlung - Literatur? ;)
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Verfasst am: 15.10.2004, 21:09
: Orakel-Schüler(in) :

Anmeldungsdatum: 06.11.2003

Beiträge: 2058
Titel: Geschichtensammlung - Literatur? ;)

Ich will hier eine kleine Geschichtensammlung von mir präsentieren. Sie sind alle ziemlich kurz, ihr könnt euch auch nur zu einer äußern (ich bin doch für alle Kritik dankbar!).


Der Rabe

Wenn der Wind dir Nachricht bringt,
wenn der Mond die Nacht erhellt,
wenn die Kälte deinen Namen singt,
der Richter sich dein Urteil fällt.

Wie gefangen stieg ich vom rostigen Gestell und näherte mich dem Wegesrand. Der Nebel umhüllte den Boden und den Himmel. Obschon es recht kalt war und ich innerlich zitterte, zog ich die Handschuhe von meinen Fingern. Die ganze Zeit über starrte ich auf den schwarzen Vogel, der da inmitten des gemähten Feldes saß und über die Schulter zurück sah, ja mich ansah, so als wolle er mir etwas zuflüstern. Mein Hals pochte wild. Dann spreizte er mit einem Mal seine edlen Schwingen, tat drei Schritte und schwang sich behände hinauf. Traurig steckte ich die roten Hände tief in die Taschen und ging wieder zu meinem Rad. Ich weiß nicht wie lange ich noch da stand. Ich dachte darüber nach, wie schnell das Ende gekommen war.

Entstehungsfragment

Uri, Michel und Ralf saßen in ihrem kleinen schäbigen, Appartment um einen runden Tisch und tranken Tee. Draußen gewitterte es. Der Regen klopfte an die Scheibe.

"Ihm geht es wohl nicht sehr gut.“, meinte Uri.
"Das war nie anders.", antwortete Ralf. Nach einiger Zeit fügte er hinzu: "Wie lange lässt er uns noch warten?"

Plötzlich wurde die Tür auf- und beinahe aus den Angeln gestoßen.
„Hey!“, schrie Michel, warf den Stuhl beim Aufstehen um und blickte zur Wohnungstür. Ein Mann im langen Regenmantel betrat Arm in Arm mit einer jungen Frau, in ein grünes Regencape gekleidet die Wohnung. „Gabriel“, sagte Michel einsilbig. "Pass das nächste mal besser auf."

Stumm setzte sie der Mann am Tisch ab.
„Ich habe sie unten aufgelesen. Sie war verlassen und alleine in der Gosse gelegen.“

Ralf zog das Cape von ihrem Gesicht zurück, unter dass sie sich versteckt hatte. Die Frau war, so schätzte er, Anfang zwanzig, brünett und hatte ein hübsches Gesicht. Ihre Haare waren durchnässt und sie schluchzte.
„Wie heißt du?“, fragte Uri. Sie antwortete nicht.
„Sie heißt Maria.“, antwortete Gabe an ihrer Stelle. Michel ging im Zimmer umher. Er rieb seine Handgelenke, doch die rotgescheuerten Kerben blieben.

"Nein nein nein! So habe ich mir das nicht vorgestellt." Er drehte sich zu Gabe um. „Was sollen wir denn jetzt mit ihr machen?“
„Komm“, forderte Ralf auf. „Wir kümmern uns um dich.“
„Das werden wir.“, versicherte Gabe.
„Wer ...“, stotterte Maria „Wer seid ihr?“

Michel blickte ihr tief in die Augen. „Das sind Gabriel, Raphael und Uriel. Ich bin Michael.“

Maria sagte nichts weiter. Ralf zeigte ihr den Weg zum Badezimmer. Er verbarg geschickt seine Hände hinter dem Rücken. Als sie darin verschwand blaffte Michel Gabe an.
„Du weißt genau, dass wir genug Probleme haben! Wir können froh sein, wenn man uns nicht auf die Spur kommt. Wir sind hier nicht sicher.“
„Wir können alles tun und werden es auch tun.“, antwortete Uri.
„Ihr seid doch verrückt.“, erwiderte Gabe. „Warum bin ich euch nur gefolgt.“

„Die Geschichte wiederholt sich.“, sagte Ralf leise vor sich hin.
Gabe setzte den Stuhl wieder auf. Er ging zur Garderobe, einem alten, verschimmelten Ständer und hängte seinen Mantel auf.
"Das kann sein.", murmelte er leise. "Nur eins ist sicher: Früher war alles besser."

Ich träume

Wenn ich die Augen zu mache, dann träume ich davon, ein anderer Mensch zu sein. Manchmal träume ich von edlen Herren in gehobenen Kreisen, von einem Ball oder einer anderen Veranstaltung, wo ich mittendrin stehe. Anerkennende Blicke. Die Menschen sehen einen an. Nette Menschen. Nicht wie die, die ich kenne.
Ein Freund von mir hat einmal gesagt, Träume sind das, was uns vom Tiersein unterscheidet. Die Triebe, also die unterschwelligen Wünsche, können nicht die Wünsche des Menschen ersetzen, der stets nach etwas Höherem strebt. Den Freund habe ich schon lange verloren.
Mein Leben habe ich schon lange verloren. Wenn ich die Augen zu mache, dann träume ich ab und an noch von diesem Leben, und wie es war, kein Penner zu sein, der sich nachts mit Zeitungen zudeckt, der vor der Polizei flieht, und der den ganzen Tag rumgammelt. Lasst mich doch einfach in Ruhe. Das alte Leben ist vorbei. Willkommen in der Zukunft. Ich mache die Augen zu und träume.

Sammlung: Conner

Conner saß mit weiß aufgerissenen Augen da und säuselte.
"Was sagt er?"
"Machen sie sich keine Gedanken. Er hat eine schwere Aphasie. Dieser Mann weiß nicht, was er redet."
Hüldenbeck wollte eine Zigarette aus der Brusttasche ziehen, doch der Chefarzt hielt ihn zurück. "Ich bitte sie!", sagte der Arzt und zeigte auf das Schild Rauchen Verboten, das am Ausgang hing.
"Also gut.", antwortete Hüldenbeck. Conner saß noch immer da. Dann sah er Hüldenbeck an.
"Was macht er jetzt?", fragte Hüldenbeck interessiert. "Komisch", sagte der Arzt. "Seit Wochen hat er sich nicht anders verhalten."
Conner murmelte ein Wort. "Mörder." Er sagte es ganz leise und etwas genuschelt. Dann noch einmal. "Mörder."
"Ich verstehe nicht", sagte der Arzt verzweifelt. "Dieser Mann DÜRFTE eigentlich gar nicht in dieser Weise - ich weiß nicht was ich ihnen sagen soll, Kommissar ..."
Hüldenbeck verzog keine Miene. "Ich wollte nur mal nach dir sehen, Conner. Wie gefällt es dir, da drin?"
Der Arzt wurde bleich. Conner sagte nichts mehr. Er säuselte wieder und drehte den Kopf im Nacken. "Sie gehen jetzt besser.", sagte der Arzt.
Widerwillig nahm Hüldenbeck den Mantel vom Arm und schwang ihn über. Der Arzt geleitete ihn zur Rezeption.
Im Gehen wandte sich Hüldenbeck jedoch noch einmal um. "Du verdammte Ratte.", hatte Conner ihm hinterhergeflüstert.

-03-

"Frank", sagte Hüldenbeck enttäuscht "Also Frank, das finde ich schade." Er stand ein wenig nach vorne gebeugt vor der Wohnung.
"Tut mir leid, Martin. Ehrlich. Nächstes Mal haben Friedi und ich Zeit, versprochen."

Du und deine Friedi, dachte Hüldenbeck.

Seit einigen Minuten standen im elften Stock des Hauses, Frank Conner im Rahmen seiner Wohnungstür. Nur bekleidet mit einer langen Unterhose. Die grauen, wolligen Haare auf Conners Brust sprangen Hüldenbeck beinahe entgegen.

"Wir sehen uns Montag auf dem Revier", sagte Conner mit einem grinsen, das Hüldenbeck am liebsten aus seinem Gesicht geschnitten hätte. Aus der Wohnung drangen leichte Seufzer und Atemgeräusche.
"Bis Montag", antwortete der Hüldenbeck lächelnd. Er trug einen ausladenden Mantel, dessen Ärmel viel zu lang waren.
Leblos zog er eine Zigarre aus der Brusttasche, drehte sich um und ging die kalten Stufen hinab.
"Wer war das?", fragte eine leise Stimme aus der Wohnung. Conner schlug die Tür zu.

Bald würde es vorbei sein, dachte Hüldenbeck. Sehr bald.

-02-

Hüldenbeck hatte ihn schon lange gekannt. Conner war kein Mann für lange Beziehungen gewesen. Bis er Friedericke Eckstein kennenlernte.

Hüldenbeck hatte sie geliebt. Ihm war es nicht bewusst gewesen, bis vor vier Tagen. Nun wurde ihm endlich klar, was er empfand. "Man bemerkt erst was man hat, wenn man es verliert", murmelte er vor sich hin.

Sie hatten sich für diesen Abend verabredet, alle drei. Im Kino lief ein alter Schwarz-Weiß-Streifen, aus ihrer Jugend. Hüldenbeck hatte gewartet, sehr lange sogar. Weit nach Mitternacht, als der Film schon längst vorbei war, hatte er sich aufgemacht, und war zu Friedi gefahren. Doch sie war nicht zuhause gewesen.

Dann fuhr zu Conner. Ein Nachbar hatte die Tür im Haus geöffnet und Hüldenbeck war die Stufen nach oben gestapft, bis in den elften Stock. Nun stand er vor der Wohnung und drückte die Klingel.

-05-

Die Kinder bewegen ihre Körper lasziv zur schwarzen Musik. Warum war er hier? War er nicht zu alt, für diese Art von Klub? Martin war nicht klar, was er getan hatte. Seine Hände klebten. Er drang durch die Menge in Richtung der Toilette. Den Geruch nach Rost und Schweiß wurde er nicht mehr los.
Er verschwand auf der Toilette, schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken daran. Martin atmete tief ein und ging zum Waschbecken. Erst jetzt sah er seine blutroten Hände. Im Spiegel erkannte er das faltige Gesicht, mit den tiefliegenden Augen kaum wieder. Er war kreidebleich. Etwas Blut tropfte an seiner Lippe herab auf das Waschbecken. In seiner Tasche fühlte er wieder die kalte Klinge.

DRABBLES

Prinzenrolle

Fafnir saß in seiner dunklen Höhle und langweilte sich, als zwei junge Prinzen ankamen. Fafnirs feurige Frau, Frida, hielt sich bedeckt.
Der eine Prinz kam auf den Drachen zu, mit erhobenem Schwert. Fafnir klatschte den Prinzen auf den Boden - der ließ das Schwert fallen - und rollte ihn, bis alle Knochen gebrochen waren. Er schnappte zu und schluckte ihn in herunter.
Nun näherte sich ihm der andere Prinz. Fafnir schlug wieder auf den Prinzen ein und rollte ihn am Boden, da kam Frida. "Ich zeige dir, wie man Prinzenrolle frisst!". Sie hob sie mit den Fingerspitzen auf und riss sie auseinander.

Die große Welt

Silbern schien der Vollmond über der Steppe. Die Wolken wanderten gemächlich am Himmel entlang. Ndugu und sein Bruder Kalipp saßen in einem Baum, um zu schlafen. Doch Ndugu war hellwach. Vor zwei Tagen hatten sie das Dorf verlassen. Nun, am Anbruch des dritten Tages, wollten sie endlich in die große Welt gelangen.
Die Wüste will dich zurück, dachte Ndugu noch, während er die Steppe beobachtete.

Herbert klappte das Buch zu und sah aus dem Fenster hinaus. Hinter den blassen Scheiben sah er den vollen, runden Mond, der zu ihm hineinleuchtete.
Er lehnte sich im roten Ledersessel zurück und wog das Whiskeyglas in seiner Hand. Dann nahm er einen Schluck. Die große Welt, dachte Herbert noch, während er die graue Zimmerdecke betrachtete.
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Verfasst am: 15.10.2004, 21:47
: Bürger(in) Zions :

Anmeldungsdatum: 07.11.2003
Wohnort: vor den propyläen
Beiträge: 644
Titel:

Ich antworte jetzt erstmal um das Privileg zu haben der Erste zu sein, der dich beglückwünscht. Schreiben ist, wenn man sich in die Worte fallen lässt etwas wunderbares, meditatives, befreiendes.

Das Geschriebene kann kritisieren, verachten, lobpreisen und verehren, ohne dass es bemerkt wird und dennoch für den Geübten so unüberhörbar, wie ein Schrei in der Einsamkeit der Nacht.

Das Wort kann zum Bild werden und schöner schimmern als das Meer im Sonnenuntergang, kann blutiger triefen, als die Leiche in so Manches Keller und doch kann es unverstanden verklingen im Nichts der visuellen Welt.

Schade, denn ich liebe es.
Deutschland war das Land der Dichter und Denker, es sollte es wieder sein.

Ich hatte mal einen ganz ähnlichen Thread, er ist mit Mißachtung gestraft worden und in den weiten Tiefen verschollen.

Wenn ich über's Wochenend Zeit finde, dann interpretiere ich mal die ein oder andere Geschichte, nur um zu testen, ob ich es noch kann, wenn ich denn darf.

~Chris

p.s.: die Drachengeschichte erinnert mich an den hier:
Kommt der Yeti zu seiner Frau und sagt: "Schatz, ich will ein Kind von dir." Darauf die Frau: "Nimm dir eins, aber mach den Deckel wieder drauf." Mit den Augen rollen

p.p.s.: Ndugu --> "About Schmidt"?
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Verfasst am: 17.10.2004, 21:44
: Orakel-Schüler(in) :

Anmeldungsdatum: 06.11.2003

Beiträge: 2058
Titel:

Danke schonmal, Chris. Aber wie Kafka schon sagte: Schreiben heißt Nichtleben (Irgendwas in der Art).

Und Ndugu kam einfach so, da dachte ich mir nichts besonderes bei Winken.
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