Literatur » pHs Kurzgeschichten
: Bürger(in) Zions :
Anmeldungsdatum: 07.11.2003
Wohnort: vor den propyläen
Beiträge: 644
Anmeldungsdatum: 07.11.2003
Wohnort: vor den propyläen
Beiträge: 644
Titel: pHs Kurzgeschichten
Der Monsun
Warm ist es. Sehr warm. Die Leute schwitzen. Nein, heiß würde ich es nicht nennen. Heiß ist immer relativ. Es ist ziemlich warm, für die meisten Leute schon zu warm, aber heiß, wirklich heiß ist was anderes. Froh ist, wer in einer Eisdiele unter einem der bunten Schirmchen hockt und ein Eis mit buntem Schirmchen vor sich stehen hat. Oder eine Limonade. Gekühlt, mit Eis, damit man bloß die Hitze nicht spürt.
„Monsun müsste man sein.“
„Monsun... Monsun, warum Monsun?“
„Als Monsun ist man plötzlich da, heftig und genauso plötzlich wieder weg. Das Leben sollte einem Monsun gleichen. Man fällt in die Trockenzeit, befreit die Gequälten von der sengenden Hitze, befreit vom Durst, spült das Alte hinweg, indem man fastvertrocknete Bächlein anschwellen lässt, sie zu einem einzigen, reißenden Strom vereint. Man wird Teil des Stroms, der einen selbst und Millionen und Abermillionen von gleichdenkenden, gleichgesinnten Regentropfen mit sich trägt, fruchtbaren Boden hinterlässt, auf den nun nur die Samen fallen müssen um zu keimen.“
Nicht viel wird gesprochen, wenn es so warm ist, jeder Atemzug scheint kostbar, jedes Gespräch lockt neugierige Zuhörer. Ein Mann mit schwarzem Hut mischt sich ein, vor ihm stehen ein Cappuchino und ein Wasserglas. Sein weißes Hemd, passend zum gleichfarbig-schütteren Haar, wird gesäumt von einer roten Fliege, einer andere verscheucht er mit einer knappen Handbewegung. Seine blaße Haut hängt in schlaffen Falten über dem schmalen Gesicht. Früher war es vielleicht scharf geschnitten, genauso scharf, wie sein Blick es wahrscheinlich mal war, doch diese Zeiten sind vorbei. Immerhin ist es frisch rasiert.
„Entschuldigen Sie, aber um ein Monsun zu sein braucht es auch das richtige Klima. Wenn es nicht heiß genug ist, lohnt es sich nicht ein Monsun zu sein.“
„Ach, finden Sie nicht, dass es heiß genug ist?“
„Um ehrlich zu sein, finde ich nicht, dass es auch nur ansatzweise heiß wäre, eher lau. Beinahe würde ich sagen, dass es mich friert. Es schüttelt mich. Früher, ja, früher, da war es richtig heiß. Da haben die Leute noch anders gedacht und waren nicht so verweichlicht, wie heute. Früher hätte es gebrodelt, aber heute ist es durchwachsen, man weiß nicht woran man ist.“
„Früher, früher... Ich glaube nicht, dass Sie jemals einen Monsun erlebt haben.“
„Das stimmt. In unseren Breiten sind Monsune wirklich selten geworden. Ich würde vieles geben einen zu sehen.“
Da meldet sich eine dicke, schwarze Frau zu Wort. Der Schweiß steht auf ihrer Stirn, schillert in der prallen Sonne. Sie sitzt nicht unter einem der bunten Schirmchen. Gesäumt von krausem, früher glänzend schwarzem, jetzt grauem Haar, schauen dunkle, intelligente Augen durch eine schwere Hornbrille. Ihr scheint es nichts auszumachen. „Mein Sohn, der war ein Monsun. Ein echter Monsun. Doch genau, wie Sie es sagten: Er riß das Alte nieder, doch er war nicht lange unter uns und dennoch erinnere nicht nur ich mich noch heute an ihn, so ist das mit Monsunen.“
„Ich glaube, ich habe schon von Ihrem Sohn gehört...“, meint der Mann mit Hut.
„Mit Sicherheit haben Sie das.“
„...aber ich glaube nicht, dass sich die Leute noch wirklich an Ihren Sohn erinnern, er wird genauso vom Konsum benutzt, wie alle anderen auch.“ Er schlägt die Beine übereinander, die geputzten, schwarzen Lackschuhe glänzen genauso, wie die Stirn der Alten. „Früher war Ihr Sohn etwas Neues. Frischer Wind in hängenden Segeln, aber als er ging haben Kapitäne das Ruder übernommen, die andere Ziele haben. Wir brauchen einen neuen Monsun, der den Kahn zum Kentern bringt. Ich wünschte, ich wäre ein Monsum gewesen, aber leider fiel ich ins falsche Klima. Gegen gierige Kapitäne müsste man etwas tun.“
„Ja, Monsun müsste man sein, ungebunden, erlösend, nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“
Für eine Weile herrscht Stille. Jeder sucht den Monsun in sich oder genießt den scheinheiligen Sonnenschein. Man bezahlt mit seinem Schweiß, tränkt T-Shirt, Taschentuch, Toupet. Doch so schön es auch ist, im Eiscafe, so teuer kann es sein und Erfrischung findet man auch im eigenen, heimischen Kühlschrank.
„Wollen wir uns auf den Weg machen?“
„Meinetwegen...“
„Zahlen.“
Es klimpert, Geld wechselt seinen vermeintlichen Besitzer und hat es wieder einmal geschafft das letzte Wort zu behalten. Wären nicht alle potentiellen Monsune käuflich, dann wäre es vielleicht mal wieder so richtig heiß, so bleibt es nur warm. Sehr warm. Und die Leute schwitzen zwar, aber finden sich damit ab und die Erfrischung in der Eisdiele. Nein, heiß würde ich es nicht nennen. Heiß ist immer relativ. Es ist wirklich ziemlich warm, allerdings nicht so heiß, dass irgendjemand etwas daran ändern wollte, denn heiß, wirklich heiß ist was anderes.
---
Da es einen Thread gibt, in dem gefragt wird, wie man schreibt, bzw. wie Geschichten entstanden sind, will ich die Umstände kurz darlegen:
Ich fahre für die Caritas "Essen auf Rädern" aus. In den Autos sind keine Radios. Während man fährt ist man also mehr oder weniger alleine unterwegs. Betrachtet die vorüberziehende Stadt, denkt über seine Kunden (Senioren) und über alles mögliche, was mich und die Welt bewegt, nach.
An jenem Tag regnete es und zwar so stark, dass ich trotz Scheibenwischer eimerweise Wasser auf der Windschutzscheibe hatte. Es regnete wie bei einem Monsun.
Nun kann man sich wahrscheinlich vorstellen, dass Essen ausliefern bei einem solchen Wetter besonders viel Spass macht...
Die Laune befand sich also nahe dem Tiefpunkt. Irgendwann denkt man sich: "Alles ist scheiße, man müßte was ändern... Monsun müßte man sein..." so war die Grundidee geboren und spukte den ganzen Tag in meinem Kopf umher... irgendwann abends/nachts hab ich es mir dann mit meinem Powerbook im Bettchen bequem gemacht und hab angefangen zu schreiben, die Gedanken verknüpft.
Ich hätte zu Schulzeiten nie gedacht, dass sich Autoren wirklich das dabei gedacht haben könnten, was man als Schüler bzw. der Lehrer da hineininterpretiert...
wenn ich jetzt aber mal, was man ja eigentlich nicht machen sollte, von mir auf andere schließe, dann habe ich jetzt einen heiden Respekt vor vielen Autoren, denn während ich schrieb kamen immer mehr Dinge in meinen wirren Kopf, die unbedingt noch ihren Weg in den reißenden Strom meiner Gedanken und letztendlich auf das Papier finden wollten...
Am nächsten Morgen wieder unterwegs --> Essen auf Rädern, allerdings ohne Regen, aber nicht ohne an den Monsun zu denken.
Abends weitergeschrieben, gebastelt, umgestellt, verschönert, ausformuliert.
Dann ein paar Tage lang ruhen lassen, gelesen, geschrieben...
wie bei einem guten Wein
Hoffe sie gefällt!
Über Kommentare, Kritiken und Interpretationen/Analysen würde ich mich sehr freuen.
Gruß
Chris
Warm ist es. Sehr warm. Die Leute schwitzen. Nein, heiß würde ich es nicht nennen. Heiß ist immer relativ. Es ist ziemlich warm, für die meisten Leute schon zu warm, aber heiß, wirklich heiß ist was anderes. Froh ist, wer in einer Eisdiele unter einem der bunten Schirmchen hockt und ein Eis mit buntem Schirmchen vor sich stehen hat. Oder eine Limonade. Gekühlt, mit Eis, damit man bloß die Hitze nicht spürt.
„Monsun müsste man sein.“
„Monsun... Monsun, warum Monsun?“
„Als Monsun ist man plötzlich da, heftig und genauso plötzlich wieder weg. Das Leben sollte einem Monsun gleichen. Man fällt in die Trockenzeit, befreit die Gequälten von der sengenden Hitze, befreit vom Durst, spült das Alte hinweg, indem man fastvertrocknete Bächlein anschwellen lässt, sie zu einem einzigen, reißenden Strom vereint. Man wird Teil des Stroms, der einen selbst und Millionen und Abermillionen von gleichdenkenden, gleichgesinnten Regentropfen mit sich trägt, fruchtbaren Boden hinterlässt, auf den nun nur die Samen fallen müssen um zu keimen.“
Nicht viel wird gesprochen, wenn es so warm ist, jeder Atemzug scheint kostbar, jedes Gespräch lockt neugierige Zuhörer. Ein Mann mit schwarzem Hut mischt sich ein, vor ihm stehen ein Cappuchino und ein Wasserglas. Sein weißes Hemd, passend zum gleichfarbig-schütteren Haar, wird gesäumt von einer roten Fliege, einer andere verscheucht er mit einer knappen Handbewegung. Seine blaße Haut hängt in schlaffen Falten über dem schmalen Gesicht. Früher war es vielleicht scharf geschnitten, genauso scharf, wie sein Blick es wahrscheinlich mal war, doch diese Zeiten sind vorbei. Immerhin ist es frisch rasiert.
„Entschuldigen Sie, aber um ein Monsun zu sein braucht es auch das richtige Klima. Wenn es nicht heiß genug ist, lohnt es sich nicht ein Monsun zu sein.“
„Ach, finden Sie nicht, dass es heiß genug ist?“
„Um ehrlich zu sein, finde ich nicht, dass es auch nur ansatzweise heiß wäre, eher lau. Beinahe würde ich sagen, dass es mich friert. Es schüttelt mich. Früher, ja, früher, da war es richtig heiß. Da haben die Leute noch anders gedacht und waren nicht so verweichlicht, wie heute. Früher hätte es gebrodelt, aber heute ist es durchwachsen, man weiß nicht woran man ist.“
„Früher, früher... Ich glaube nicht, dass Sie jemals einen Monsun erlebt haben.“
„Das stimmt. In unseren Breiten sind Monsune wirklich selten geworden. Ich würde vieles geben einen zu sehen.“
Da meldet sich eine dicke, schwarze Frau zu Wort. Der Schweiß steht auf ihrer Stirn, schillert in der prallen Sonne. Sie sitzt nicht unter einem der bunten Schirmchen. Gesäumt von krausem, früher glänzend schwarzem, jetzt grauem Haar, schauen dunkle, intelligente Augen durch eine schwere Hornbrille. Ihr scheint es nichts auszumachen. „Mein Sohn, der war ein Monsun. Ein echter Monsun. Doch genau, wie Sie es sagten: Er riß das Alte nieder, doch er war nicht lange unter uns und dennoch erinnere nicht nur ich mich noch heute an ihn, so ist das mit Monsunen.“
„Ich glaube, ich habe schon von Ihrem Sohn gehört...“, meint der Mann mit Hut.
„Mit Sicherheit haben Sie das.“
„...aber ich glaube nicht, dass sich die Leute noch wirklich an Ihren Sohn erinnern, er wird genauso vom Konsum benutzt, wie alle anderen auch.“ Er schlägt die Beine übereinander, die geputzten, schwarzen Lackschuhe glänzen genauso, wie die Stirn der Alten. „Früher war Ihr Sohn etwas Neues. Frischer Wind in hängenden Segeln, aber als er ging haben Kapitäne das Ruder übernommen, die andere Ziele haben. Wir brauchen einen neuen Monsun, der den Kahn zum Kentern bringt. Ich wünschte, ich wäre ein Monsum gewesen, aber leider fiel ich ins falsche Klima. Gegen gierige Kapitäne müsste man etwas tun.“
„Ja, Monsun müsste man sein, ungebunden, erlösend, nicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein.“
Für eine Weile herrscht Stille. Jeder sucht den Monsun in sich oder genießt den scheinheiligen Sonnenschein. Man bezahlt mit seinem Schweiß, tränkt T-Shirt, Taschentuch, Toupet. Doch so schön es auch ist, im Eiscafe, so teuer kann es sein und Erfrischung findet man auch im eigenen, heimischen Kühlschrank.
„Wollen wir uns auf den Weg machen?“
„Meinetwegen...“
„Zahlen.“
Es klimpert, Geld wechselt seinen vermeintlichen Besitzer und hat es wieder einmal geschafft das letzte Wort zu behalten. Wären nicht alle potentiellen Monsune käuflich, dann wäre es vielleicht mal wieder so richtig heiß, so bleibt es nur warm. Sehr warm. Und die Leute schwitzen zwar, aber finden sich damit ab und die Erfrischung in der Eisdiele. Nein, heiß würde ich es nicht nennen. Heiß ist immer relativ. Es ist wirklich ziemlich warm, allerdings nicht so heiß, dass irgendjemand etwas daran ändern wollte, denn heiß, wirklich heiß ist was anderes.
---
Da es einen Thread gibt, in dem gefragt wird, wie man schreibt, bzw. wie Geschichten entstanden sind, will ich die Umstände kurz darlegen:
Ich fahre für die Caritas "Essen auf Rädern" aus. In den Autos sind keine Radios. Während man fährt ist man also mehr oder weniger alleine unterwegs. Betrachtet die vorüberziehende Stadt, denkt über seine Kunden (Senioren) und über alles mögliche, was mich und die Welt bewegt, nach.
An jenem Tag regnete es und zwar so stark, dass ich trotz Scheibenwischer eimerweise Wasser auf der Windschutzscheibe hatte. Es regnete wie bei einem Monsun.
Nun kann man sich wahrscheinlich vorstellen, dass Essen ausliefern bei einem solchen Wetter besonders viel Spass macht...
Die Laune befand sich also nahe dem Tiefpunkt. Irgendwann denkt man sich: "Alles ist scheiße, man müßte was ändern... Monsun müßte man sein..." so war die Grundidee geboren und spukte den ganzen Tag in meinem Kopf umher... irgendwann abends/nachts hab ich es mir dann mit meinem Powerbook im Bettchen bequem gemacht und hab angefangen zu schreiben, die Gedanken verknüpft.
Ich hätte zu Schulzeiten nie gedacht, dass sich Autoren wirklich das dabei gedacht haben könnten, was man als Schüler bzw. der Lehrer da hineininterpretiert...
wenn ich jetzt aber mal, was man ja eigentlich nicht machen sollte, von mir auf andere schließe, dann habe ich jetzt einen heiden Respekt vor vielen Autoren, denn während ich schrieb kamen immer mehr Dinge in meinen wirren Kopf, die unbedingt noch ihren Weg in den reißenden Strom meiner Gedanken und letztendlich auf das Papier finden wollten...
Am nächsten Morgen wieder unterwegs --> Essen auf Rädern, allerdings ohne Regen, aber nicht ohne an den Monsun zu denken.
Abends weitergeschrieben, gebastelt, umgestellt, verschönert, ausformuliert.
Dann ein paar Tage lang ruhen lassen, gelesen, geschrieben...
wie bei einem guten Wein
Hoffe sie gefällt!
Über Kommentare, Kritiken und Interpretationen/Analysen würde ich mich sehr freuen.
Gruß
Chris
: Bürger(in) Zions :
Anmeldungsdatum: 06.11.2003
Wohnort: PB somewhere
Beiträge: 678
Anmeldungsdatum: 06.11.2003
Wohnort: PB somewhere
Beiträge: 678
Titel: Re: Der Monsun - eine Kurzgeschichte
schöne Geschichte.
gefällt mir. Meine Interpretation haste ja schon irgentwie gelesen, bevor ich diese Geschichte lass
Einen möglichen Sohn der Dame hab ich auch schon des öfteren gesehen, soweit ich die Geschichte verstehe.
immernoch gern genommen auf T-Shirts
schönen Gruss
CtV
gefällt mir. Meine Interpretation haste ja schon irgentwie gelesen, bevor ich diese Geschichte lass
Einen möglichen Sohn der Dame hab ich auch schon des öfteren gesehen, soweit ich die Geschichte verstehe.
immernoch gern genommen auf T-Shirts
schönen Gruss
CtV
: Bürger(in) Zions :
Anmeldungsdatum: 07.11.2003
Wohnort: vor den propyläen
Beiträge: 644
Anmeldungsdatum: 07.11.2003
Wohnort: vor den propyläen
Beiträge: 644
Titel:
Dieser Sohn ist eine von vielen Möglichkeiten, muss zu meiner Schande gestehen auch ein solches T-shirt zu besitzen, allerdings geschenkt bekommen und bei mir nicht nur als Motiv, sondern mit Herz getragen... Hasta la victoria siempre!
Eine andere Möglichkeit schaut des öfteren völlig verstört von einem Kreuz hernieder...
ein anderer war in Moskau und Umgebung tätig...
Ach, Monsune gab es genug... nur im Moment, da ist einfach nicht das richtige Klima...
es ist zwar warm, aber nicht heiß...
ach und danke für das Lob
freut mich endlich einen Kommentar und dann noch einen positiven zu bekommen
~Chris
Eine andere Möglichkeit schaut des öfteren völlig verstört von einem Kreuz hernieder...
ein anderer war in Moskau und Umgebung tätig...
Ach, Monsune gab es genug... nur im Moment, da ist einfach nicht das richtige Klima...
es ist zwar warm, aber nicht heiß...
ach und danke für das Lob
freut mich endlich einen Kommentar und dann noch einen positiven zu bekommen
~Chris
: Auserwählte(r) :

Anmeldungsdatum: 19.12.2001
Beiträge: 3367
Anmeldungsdatum: 19.12.2001
Beiträge: 3367
Titel:
Sehr gut. Schönes Gleichnis. Gefällt mir!
Dazu fällt mir spontan ein "und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten" (Fight CLub)
Gruß
cmk12
Dazu fällt mir spontan ein "und wir sind kurz, ganz kurz vorm Ausrasten" (Fight CLub)
Gruß
cmk12
: Bürger(in) Zions :
Anmeldungsdatum: 07.11.2003
Wohnort: vor den propyläen
Beiträge: 644
Anmeldungsdatum: 07.11.2003
Wohnort: vor den propyläen
Beiträge: 644
Titel:
Karl
Karl sitzt da. Er sitzt am Tisch. Karl sitzt am alten Küchentisch, guckt starr geradeaus. Karl guckt aus dem Fenster. Eigentlich guckt er nicht aus dem Fenster. Karl guckt ins Nichts. Er guckt durch das Fenster hindurch, genau, wie er durch die dahinterliegende Realität abgewrackter Arbeiterbaracken aus Industrialisierungszeiten hindurch schaut. Karl erzählt. Er erzählt von früher. Früher, als es ihm noch gut ging. Früher als Karl noch malochen konnte. Malochen, wie der Dinges. Der Dinges, von dem ihm der Name jetzt nicht mehr einfällt. Aber malochen, das konnte der. Karl erzählt gerne von früher. Wenn er von früher erzählt, dann guckt er immer aus dem Fenster, so wie jetzt. Eigentlich guckt er nicht aus dem Fenster. Karl guckt in die Vergangenheit. Er guckt durch das Fenster hindurch in die Vergangenheit. Damals waren die Arbeiterbaracken noch nicht abgewrackt. Damals lebten hier die, die alles auf die Beine stellten. Hier lebten die, die malochten. Malochten, wie der Dinges oder wie der Bruder von Karl. Der konnte auch malochen. Wie ein Pferd. Karls Bruder ist tot. Gestorben mit dreiundvierzig. Eigentlich war er ein zäher Bursche gewesen, aber er hatte sich nicht mehr erholt. Von der Arbeit verbraucht, niedergestreckt von einer Grippe. Aber malocht, das hatte er. Das letzte gegeben. Für die Firma, obwohl der Vorarbeiter so ein Schwachkopf gewesen war.Vor Karl steht eine schwarze Tasse. Vor Karl steigt heißer Dampf der verwitterten Küchendecke entgegen. Kaffee. Genauso schwarz, wie die Tasse. Aber Karl trinkt nicht. Karl lacht. Wenn er lacht sieht man die gelb-braunen Zähne. Viele sind es nicht mehr und schräg stehen sie. Aber es ist ein ehrliches Lachen. Was dieser Schwachkopf von Vorarbeiter in zwei Wochen gemacht hatte, hatten andere in zwei Tagen gemacht. Karl schüttelt den Kopf. Das waren noch Zeiten. Damals hat man noch für die Firma, nicht für das Geld gearbeitet. Selbst wenn der Vorarbeiter so ein Schwachkopf gewesen war. Und ein Schwachkopf, das war der Vorarbeiter gewesen. Und was für einer! Genüßlich greift er zum Tabak. Die sonst so zittrige Hand wird zum Präzisionsinstrument. Geschmeidig greift sie hinein und fischt ein Bündel hinaus. Die andere sucht ein Blättchen. Wie zwei Liebende kommen sie zusammen. Blättchen umarmt Tabak. Umschlingt ihn, bettet ihn sanft. Zärtlich werden sie durch die liebkosende Zunge verbunden. Karls Zunge. Lange wird ihre Ehe nicht halten. Natürlich hatte man auch gerne Kohle in der Tasche und man verdiente ja auch so einiges. So einiges! Aber das war nicht das Wichtigste. Das Feuerzeug entflammt. Asche findet zu Asche. Staub zu Staub. Vor Karl steht ein Aschenbecher. Er steht direkt neben der schwarzen Kaffeetasse, die dampft. Wo die her ist weiß Karl auch nicht, aber sie dampft. Die Zigarette qualmt. Neben Karl wiegen sich graue Wogen. Der Gestank hängt in der ganzen Wohnung. Das Nikotin gelb an Karls Fingern. Der Kaffee ist frisch. Manche sagen Kaffee ist undefinierbar. Für Karl ist er wahrscheinlich nur zu heiß. Aber Malochen, das konnte er. Jetzt hat er einen kaputten Fuss. Genau, wie der Dinges ihn mal hatte, aber der Dingens, von dem Karl der Name jetzt nicht einfällt, der hatte ihn damals. Den kaputten Fuss. Karls Fuss ist heute kaputt und heute heilt er nicht mehr vernünftig. Damals hätte ihm das nichts ausgemacht. Karl war ein harter Hund. Ein harter Hund, wie sein Vater. Ein harter Hund, dank seines Vaters. Sein Vater hätte ihm was erzählt, wenn er so faul wäre, wie der Sohn von Nebenan. Dieser faule Hund. Der ist ohne Vater aufgewachsen und sie läßt viel zu viel durchgehen. Sie, das ist die Nachbarin. Sie malocht in einer Bäckerei. Malocht die ganze Zeit nur für den Jungen. Und der ist faul. So ein fauler Hund! Ja, so ist das. Heutzutage kann kaum noch einer richtig malochen. Früher bei Dinges, da musste man noch richtig anpacken. Da hat Karl jahrelang malocht, den Namen weiß er trotzdem nicht mehr. Jetzt sitzt er nur noch an seinem alten Küchentisch, vor ihm die schwarze Tasse voll mit schwarzem, viel zu dampfend heißem Kaffee, daneben Tabak, Blättchen, Feuerzeug und Aschenbecher, und starrt hinaus in die Vergangenheit, die immer trüber wird, genauso trüb, wie die Luft in seiner Bude. Genauso trüb, wie der Nebel zwischen den abgewrackten Arbeiterbaraken. Trüb, wie seine Augen. Er drückt den übriggebliebenen Stummel aus. Mühselig. Seine Hand zittert. Bläst den letzten Zug zu den anderen trüben Wogen. Greift aufs Neue. Tabak, Blättchen, Feuerzeug. Präzision. Jeder Handgriff. Tausendfach wiederholt. Genau wie beim Malochen. Die Stirn zieht sich noch faltiger als sonst zusammen. Konzentration. Die roten Äderchen um die Nase scheinen hervorzutreten. Ein Schande, das die ganzen Buden dicht gemacht haben. Eine Schande! Karl versteht nicht warum. Damals haben sie so viel rausgehauen. Bis nach Holland haben sie geliefert bei Dinges. War das alles für die Katz? Für die Katz? Eine Schande! Karl schüttelt den Kopf. Karl steckt sich die neue Fluppe in den Mund. Das Feuerzeug kriegt er kaum noch an. Wahrscheinlich bald leer. Verbraucht. Damals war er noch zu was nütze. Damals hat er auch schon geraucht. Auch mal ein Bierchen getrunken. Einmal... einmal da ist er besoffen bei der Arbeit gewesen. Er und der Dinges hatten da gesoffen, aber sie haben trotzdem malocht und keiner hat was gesagt. Klar, der Meister hatte es gemerkt, aber was sollte er machen? Auf der Arbeit haben sie nie gesoffen. Nur die Kleine, die den Laster fuhr, die machte nicht nur im Fahren den Kerlen was vor. Die Kleine. Karl schwärmt. Er schwärmt gerne von Leuten, die richtig malochen konnten. Dann guckt er immer aus dem Fenster. Der Boiler tropft. Das Becken ist voll. Tassen, Löffel, Messer. Ruhig angehen läßt Karl es. Erstmal einweichen. Mit Spülmittel und heißem Wasser. Im Wohnzimmer steht noch immer der kleine, goldene Plastikweihnachtsbaum. Ruhig angehen. Es ist fast Ostern. Damals hatten sie auch an Feiertagen malocht. Wenn das kleine Lager voll war, weil die in der Montage wieder nicht hinterher kamen hatte der Meister sie für ne Woche nach Hause geschickt. Eine ganze Woche! Einmal hatte er dann zwei Tage später angerufen und gemeint, dass Karl noch eine dranhängen sollte. Noch eine ganze Woche! Und das hat er dann auch gemacht. Und wie er das gemacht hat! Ja, das waren noch Zeiten. Er nimmt einen letzten Zug, bläßt ihn wieder aus und drückt die Dinges aus.
---
"Karl" basiert auf einer realexistierenden Person.
thx an neo@tco für's thread-name-ändern :Mrgreen:
~Chris
Karl sitzt da. Er sitzt am Tisch. Karl sitzt am alten Küchentisch, guckt starr geradeaus. Karl guckt aus dem Fenster. Eigentlich guckt er nicht aus dem Fenster. Karl guckt ins Nichts. Er guckt durch das Fenster hindurch, genau, wie er durch die dahinterliegende Realität abgewrackter Arbeiterbaracken aus Industrialisierungszeiten hindurch schaut. Karl erzählt. Er erzählt von früher. Früher, als es ihm noch gut ging. Früher als Karl noch malochen konnte. Malochen, wie der Dinges. Der Dinges, von dem ihm der Name jetzt nicht mehr einfällt. Aber malochen, das konnte der. Karl erzählt gerne von früher. Wenn er von früher erzählt, dann guckt er immer aus dem Fenster, so wie jetzt. Eigentlich guckt er nicht aus dem Fenster. Karl guckt in die Vergangenheit. Er guckt durch das Fenster hindurch in die Vergangenheit. Damals waren die Arbeiterbaracken noch nicht abgewrackt. Damals lebten hier die, die alles auf die Beine stellten. Hier lebten die, die malochten. Malochten, wie der Dinges oder wie der Bruder von Karl. Der konnte auch malochen. Wie ein Pferd. Karls Bruder ist tot. Gestorben mit dreiundvierzig. Eigentlich war er ein zäher Bursche gewesen, aber er hatte sich nicht mehr erholt. Von der Arbeit verbraucht, niedergestreckt von einer Grippe. Aber malocht, das hatte er. Das letzte gegeben. Für die Firma, obwohl der Vorarbeiter so ein Schwachkopf gewesen war.Vor Karl steht eine schwarze Tasse. Vor Karl steigt heißer Dampf der verwitterten Küchendecke entgegen. Kaffee. Genauso schwarz, wie die Tasse. Aber Karl trinkt nicht. Karl lacht. Wenn er lacht sieht man die gelb-braunen Zähne. Viele sind es nicht mehr und schräg stehen sie. Aber es ist ein ehrliches Lachen. Was dieser Schwachkopf von Vorarbeiter in zwei Wochen gemacht hatte, hatten andere in zwei Tagen gemacht. Karl schüttelt den Kopf. Das waren noch Zeiten. Damals hat man noch für die Firma, nicht für das Geld gearbeitet. Selbst wenn der Vorarbeiter so ein Schwachkopf gewesen war. Und ein Schwachkopf, das war der Vorarbeiter gewesen. Und was für einer! Genüßlich greift er zum Tabak. Die sonst so zittrige Hand wird zum Präzisionsinstrument. Geschmeidig greift sie hinein und fischt ein Bündel hinaus. Die andere sucht ein Blättchen. Wie zwei Liebende kommen sie zusammen. Blättchen umarmt Tabak. Umschlingt ihn, bettet ihn sanft. Zärtlich werden sie durch die liebkosende Zunge verbunden. Karls Zunge. Lange wird ihre Ehe nicht halten. Natürlich hatte man auch gerne Kohle in der Tasche und man verdiente ja auch so einiges. So einiges! Aber das war nicht das Wichtigste. Das Feuerzeug entflammt. Asche findet zu Asche. Staub zu Staub. Vor Karl steht ein Aschenbecher. Er steht direkt neben der schwarzen Kaffeetasse, die dampft. Wo die her ist weiß Karl auch nicht, aber sie dampft. Die Zigarette qualmt. Neben Karl wiegen sich graue Wogen. Der Gestank hängt in der ganzen Wohnung. Das Nikotin gelb an Karls Fingern. Der Kaffee ist frisch. Manche sagen Kaffee ist undefinierbar. Für Karl ist er wahrscheinlich nur zu heiß. Aber Malochen, das konnte er. Jetzt hat er einen kaputten Fuss. Genau, wie der Dinges ihn mal hatte, aber der Dingens, von dem Karl der Name jetzt nicht einfällt, der hatte ihn damals. Den kaputten Fuss. Karls Fuss ist heute kaputt und heute heilt er nicht mehr vernünftig. Damals hätte ihm das nichts ausgemacht. Karl war ein harter Hund. Ein harter Hund, wie sein Vater. Ein harter Hund, dank seines Vaters. Sein Vater hätte ihm was erzählt, wenn er so faul wäre, wie der Sohn von Nebenan. Dieser faule Hund. Der ist ohne Vater aufgewachsen und sie läßt viel zu viel durchgehen. Sie, das ist die Nachbarin. Sie malocht in einer Bäckerei. Malocht die ganze Zeit nur für den Jungen. Und der ist faul. So ein fauler Hund! Ja, so ist das. Heutzutage kann kaum noch einer richtig malochen. Früher bei Dinges, da musste man noch richtig anpacken. Da hat Karl jahrelang malocht, den Namen weiß er trotzdem nicht mehr. Jetzt sitzt er nur noch an seinem alten Küchentisch, vor ihm die schwarze Tasse voll mit schwarzem, viel zu dampfend heißem Kaffee, daneben Tabak, Blättchen, Feuerzeug und Aschenbecher, und starrt hinaus in die Vergangenheit, die immer trüber wird, genauso trüb, wie die Luft in seiner Bude. Genauso trüb, wie der Nebel zwischen den abgewrackten Arbeiterbaraken. Trüb, wie seine Augen. Er drückt den übriggebliebenen Stummel aus. Mühselig. Seine Hand zittert. Bläst den letzten Zug zu den anderen trüben Wogen. Greift aufs Neue. Tabak, Blättchen, Feuerzeug. Präzision. Jeder Handgriff. Tausendfach wiederholt. Genau wie beim Malochen. Die Stirn zieht sich noch faltiger als sonst zusammen. Konzentration. Die roten Äderchen um die Nase scheinen hervorzutreten. Ein Schande, das die ganzen Buden dicht gemacht haben. Eine Schande! Karl versteht nicht warum. Damals haben sie so viel rausgehauen. Bis nach Holland haben sie geliefert bei Dinges. War das alles für die Katz? Für die Katz? Eine Schande! Karl schüttelt den Kopf. Karl steckt sich die neue Fluppe in den Mund. Das Feuerzeug kriegt er kaum noch an. Wahrscheinlich bald leer. Verbraucht. Damals war er noch zu was nütze. Damals hat er auch schon geraucht. Auch mal ein Bierchen getrunken. Einmal... einmal da ist er besoffen bei der Arbeit gewesen. Er und der Dinges hatten da gesoffen, aber sie haben trotzdem malocht und keiner hat was gesagt. Klar, der Meister hatte es gemerkt, aber was sollte er machen? Auf der Arbeit haben sie nie gesoffen. Nur die Kleine, die den Laster fuhr, die machte nicht nur im Fahren den Kerlen was vor. Die Kleine. Karl schwärmt. Er schwärmt gerne von Leuten, die richtig malochen konnten. Dann guckt er immer aus dem Fenster. Der Boiler tropft. Das Becken ist voll. Tassen, Löffel, Messer. Ruhig angehen läßt Karl es. Erstmal einweichen. Mit Spülmittel und heißem Wasser. Im Wohnzimmer steht noch immer der kleine, goldene Plastikweihnachtsbaum. Ruhig angehen. Es ist fast Ostern. Damals hatten sie auch an Feiertagen malocht. Wenn das kleine Lager voll war, weil die in der Montage wieder nicht hinterher kamen hatte der Meister sie für ne Woche nach Hause geschickt. Eine ganze Woche! Einmal hatte er dann zwei Tage später angerufen und gemeint, dass Karl noch eine dranhängen sollte. Noch eine ganze Woche! Und das hat er dann auch gemacht. Und wie er das gemacht hat! Ja, das waren noch Zeiten. Er nimmt einen letzten Zug, bläßt ihn wieder aus und drückt die Dinges aus.
---
"Karl" basiert auf einer realexistierenden Person.
thx an neo@tco für's thread-name-ändern :Mrgreen:
~Chris
Seite 1 von 1
Alle Zeiten sind GMT + 1 Stunde
Darf keine Themen verfassen
Auf Beiträge nicht antworten
Deine Beiträge nicht bearbeiten.
Deine Beiträge nicht löschen.
Umfragen nicht mitmachen.
Darf keine Themen verfassen
Auf Beiträge nicht antworten
Deine Beiträge nicht bearbeiten.
Deine Beiträge nicht löschen.
Umfragen nicht mitmachen.











